Sea Wanton, POGO, A. Wollscheid, S. Schütze (1982)
foto von cherrypop
besetzung 2004 ..
band-collage von ALTRONIC ARTWORKS .
...
C. Reichelt, Sea Wanton, A. Türpitz
allgemeine informationen
1983 hatte D. Hegemann, jetzt Besitzer des "techno-clubs TRESOR",
NON TOXIQUE LOST (NTL) als "opener" für das
"Berlin ATONAL 2" Festival verpflichtet (Hauptband war PSYCHIC TV mit
Sänger GENESIS P-ORRIDGE).
NON TOXIQUE LOST Berlin atonal, CD (Selbstverlag, Vertrieb Vinyl-On-Demand / Ebay)
review von Rigobert Dittmann (in BAD ALCHEMY #58)
An sich kein großer Freund der deutschen Vergangenheit, sind
Dokumente, wie es anders hätte gehen können, gehen müssen, das Salz im
bad alchemystischen Ocean of Sound. Was einem hier um die Ohren
fliegt, ist der vollständige Mitschnitt des Autritts von Achim
Wollscheid (guitar), Steffen Schütze (violin & tubes) & Sea Wanton aka
Winston Churchill (MS20-synthesizer & vocals) auf dem Berlin ATONAL 2
Festival Anfang Dezember 1983. Sie spielten damals 9 ihrer Hirnbeißer
und Leberzirrhosen, die als Audience-Recording und 5 davon nocheinmal
als Mixer-Recording der Nachwelt serviert werden wie der Kopf des
Jochanaan. Schrille Noisefetzen und stoisch-ritueller Beat, dazu Sea
Wantons Schreigesang in den inzwischen abgerissenen Pankehallen in
Wedding, machten NTL letztendlich doch etwas unvergesslicher als
Leningrad Sandwich, Lucrate Milk, Mannamaschine oder die Rothschild
Armament Formation. Bekanntheitsgrad ist kein Kriterium und ich weiß
nicht einmal sicher, ob Z‘ev und Psychic TV damals als die Headliner
galten. NTL entwickelten im Kurzschluss von DAF und Einstürzende
Neubauten mit ‚Ga Leschi Gambi‘, ‚Ich sah Hanoi sterben‘ oder ‚Wer
keinen Schmerz mehr spürt‘ einen Furor, der aus den schroffen und wie
zersplitterten Klängen und den zuckenden Beats selbst ausstrahlte, die
kontaminiert wirkten durch Industriegifte und atomare Strahlung und
mehr noch dem Überdruss über die Maden im Speck des Wendejahres 1983.
MUSIK - MUSIK MUSIK MUSIK als ‚Kriegstanz‘ und erklärter
Ausnahmezustand. Heute dagegen - Friß Deine Knackwurst, Sklav, /und
halt Dein Maul! [BA 58 rbd]
Ihre elektronischen, wilden Experimente, oft kombiniert mit Tonband-Collagen,
brachten NTL
dann schnell auch den Ruf einer "primal industrial punk band" ein.
Andere wiederum sahen die Band (mit A. Wollscheid an Gitarre und Synthesizern,
S. Schütze an Violine und Bass und Sea Wanton, Gesang und Elektronik)
im Dunstkreis der
"Neue Deutsche Welle" (NdW) oder sogar als Bestandteil der sog. "Berliner
Krankheit" (diese wurde u.a.von
K. Maeck bzw. den EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN proklamiert). In rascher
Folge entstanden nun die neuen
Songs als Soundtrack zu den schrillen 80'er Jahren in Deutschland (damals
der BRD). Künstler, Punks, Hippies,
Alt-Marxisten und Neo-Liberale allerdings konnten sich allerdings nur
kurzzeitig mit dem "style ist irrelevant"
Lebensgefühl von NTL anfreunden. Die Produktion ihrer Musik /
Töne / Geräusche auf Compact-Cassette
ermöglichte NTL dennoch weiterhin einen weltweiten Austausch ihrer
Ideen mit anderen (Nicht)Musikern.
Sea Wanton's Künstlername im deutschen Musikmagazin SOUNDS war
"GEN82" und er "besprach"
dort ausschliesslich (die heute so begehrten !) "Cassettenproduktionen"
von z.B. THX113, NURSE WITH WOUND,
SPRUNG AUS DEN WOLKEN, SAVAGE REPUBLIC oder S.Y.P.H.. 1986 veröffentlichte
aber auch
NTL erstes Vinyl (LP): "WANTON" , mit E. Dittewig (Sängerin bei
SUENO SUENO ) am Saxofon.
Das Album erschien in Kleinauflage (ca. 300 LPs), mit handgemachtem
Cover und speziellem Inlay für die "Szene".
Doch der Ausverkauf der NDW, der Zusammenbruch alternativer Vertriebsstrukturen
gerade zu dieser Zeit verhinderte
einen (möglichen) kommerziellen Erfolg (die LP war sogar beim
"DAS BÜRO", dem Vertrieb DER PLAN Produkte,
für einige Zeit im Angebot !). A. Wollscheid konzentrierte sich
nun immer stärker auf seine Künstlerkarriere
und wechselte zum Avantgarde-SELEKTION Label (geleitet von J. STENDER
und RLW). Auch Sea Wanton verlor
das Interesse an einer Musikszene, die sich immer mehr der DISCO, EBM,
DEATH METAL und GOTHIC- ROCK-Musik
öffnete. Erst 1996, nachdem Sea Wanton Berlin als Wohnort gewählt
hatte, wurde NTL wieder aktiv. Inspiriert durch
die "hard kickin' techno" Veröffentlichungen von CHRISLO HAAS
(ex-DAF, ex-LIAISONS DANGEREUSES) auf
dem TRESOR Label, entanden frische, neue Ideen auch bei NTL. Andere,
weiterhin seltsame Rhythmen wurden gesucht,
die Verknüpfung der Aufbruchsstimmung aus den 80'er Jahren mit
dem Anbruch des neuen Jahrtausends wurde ein spannendes
Unternehmen. In seinem Berliner Studio wurde dann von JAMMIN UNIT‘
(der schon bei live Auftritten von NTL
in Holland mitgewirkt hatte und jetzt bei AIR LIQUIDE spielt) die Songauswahl
für die CD “siga siga“ getroffen
und gemastert. Sodann wurden die Arbeiten zur Produktion der CD “/bin/med/usa“
begonnen. New Beats, Trance,
Ambient, Industrial, Techno, Hardcore wurden mit C. Reichelt und A.
Türpitz montiert und manchmal wird in
den Songtexten auch über WOLFGANG NEUSS "geschrien", oder aber
ein "REISER-"sches "bye bye" geflüstert.
. Nach wie vor wird NTL als Projekt betrieben, indem sich politisches
Bewusstsein
und kreativer Wille begegnen. Zur Zeit erarbeiten der ex-CASSANDRA
COMPLEX drummer A. "Hettpenger" Laaf
und
Sea Wanton neue Song(Sound)strukturen und live-patterns (zu hören
auf der neuen CD, "Reichstag lange nicht gebrannt".)
CD, "Reichstag lange nicht gebrannt", label: HIC RHODOS - HIC SALTA
review von R. Dittmann
Bad Alchemy 52/2006
NON TOXIQUE LOST Reichstag lange nicht gebrannt (Hic Rhodos - Hic Salta,
CD-R):
Warum von einer Veröffentlichung sprechen, die, auf 69 Exemplare
limitiert, längst schon vergriffen ist?
Weil es noch genug andere Möglichkeiten gibt, sich der Musik von
NTLzu stellen, transportiert von den CDs /bin/med/usa
und siga siga (Dossier) oder den LPs ogre-sse (VOD) und terre et argent
(Wachsender Prozess). Die 18
Reichstag-Songs entstanden in der Besetzung A. "Hettpenger" Laaf
& A. Türpitz (electronics, drum machines, effects)
und Sea Wanton (vocals, effects) und sie zerren und reißen an
Herz und Hirn mit Attacken wie ‚Amerika / Europa‘ oder ‚
Armut und Kindersoldaten‘ und mit bösen Erinnerungen wie die an
das Herero-Massaker 1904. Attacken, wie sie
kaum eine andere deutsche Formation je so krass vortragen konnte wie
NTL, um dabei in Wunden zu stoßen, die stinken
wie ‚Verdorbenes Fleisch‘. Für‘s Feuilleton wäre NTL eine
Schnittmenge aus den Einstürzenden Neubauten, DAF und
Liaisons Dangereuses. Schreigesang, gehämmerte Stakkatobeats,
giftige Noisewolken und von deutscher
Geschichte überstäubte Samples bestimmen eine Ästhetik,
die sich ihrer Wurzeln in der Undeutsche Härte der Jahren
1982-85 nicht zu schämen braucht. Es dürfte allerdings fraglich
sein, ob dem Biedermeierzeitgeist von Heute die Dringlichkeit
solcher Aggressivität auch nur annähernd begreiflich zu machen
ist. NTL versucht aber wenigsten, gegen eine Blauäugigkeit und
Indolenz anzustinken, die sich weder durch TV-Kriegs- und Katastrophenbilder
in Alpträume stürzen lassen, noch durch ökologischen
Raubbau, limitierte Energiequellen oder schwindende Jobperspektiven.
Sehen so Sieger aus? Flink wie Schnäppchenjäger bei
MediaMarkt, hart wie die Deutsche Bank, zäh wie gegrillter Windhund?
Sind die NTL-Songs ‚signales perdues‘, die
allenfalls als EBM-vorläuferisch und schlimmerenfalls als Teenage-Atari-Riot-epigonal
durchgewinkt werden, um sich lieber von
einem Rap-Großmaul vermeintlich brisante und authentische Sozialfrontberichterstattung
diktieren zu lassen? Oder, schlimmer noch,
nostalgisch von Verschwende-Deine-Jugend-Erinnerungen zu schwadronieren?
Bereicherung, Plünderung, Profit, warum fällt es so
schwer, solche Diagnosen wieder so wie Sea Wanton in den Mund zu nehmen,
dass die Verachtung mit anklingt, den die ‚
Beutejäger‘ und ihre Anbeter verdienen?
compact cassette, "ohne titel", c-20, label: CAN CAN
cd kritk von Thomas Beck
MAGAZINE 2, 1982
die gruppe NON TOXIQUE LOST (auf deutsch: ungiftiges kampfgas),
kurz NTL, kommt aus Mainz und besteht seit 1982, wo auch
G. Neumann (bekannt als GEN 82) die elektronik bedient. Ihre musik
baut hauptsächlich auf schnelle, mal hektische,
aber manchmal kriechende, monotone, rhythmische sequenzerläufe
auf (monoton in diesem fall nicht negativ),
darüber eine unkonventionelle e-gitarre, immer wiederholend, und
elektronische klänge/geräusche, mal eine melodie,
mal atmosphäre, mal krach. in diesen sound bricht ein verrückt
klingender sänger, mehr sprechend als singend, ein. trägt
schreiend, beschwörend, auch mal nüchtern, interessante texte
in hauptsächlich deutsch vor. das ganze klingt sehr
energiegeladen, aggressiv oder wie es GEN 82 beschreibt: "schnellebige
rhythmen, geräuschfetzen, klirrende
gitarren und herausforderender sprechgesang" ... keine klangliche
übertreibung
...für mich sind NON TOXIQUE LOST eine hervorragende und
interessante gruppe. vergleichbares in deutschland
(und rest der welt ?) kenne ich nicht. besonders zu empfehlen ist die
erste cassette von NTL ("OHNE TITEL", c-20),
die musik wie beschrieben, mit einer interessanten cover-graphik. aber
auch alle anderen cassetten von NTL sind nicht "schlecht",
bzw hörenswert, sicherlich für alle interessant, die diese
art von musik mögen.
CD, "/bin/med/usa", label: DOSSIER
review von Zipo
auf abwegen, Nr. 35, 2005
NON TOXIQUE LOST
/bin/med/usa
Siga Siga
(beide Dossier)
Ogre S se LP
(Vinyl On Demand)
Terre et Argent LP
(Wachsender Prozess)
Nicht immer ist die Entwicklung der Technik für Musiker ein Segen,
wie das Beispiel NTL zeigt. Die aktuellen
beiden CDs arbeiten nämlich vordergründig mit Sequenzern
und haben größtenteils den Charme des Frühwerks
verloren. Was bei NTL immer noch fabelhaft klingt, sind die selstsamen,
in den Gesamtsound eingeschraubten
Lyrics. Aber die allzu bemühten,aufpeitschenden Beats übertünchen
doch viel an Atmosphäre. Auf Vinyl klingt
die Gruppe wesentlich chaotischer und krimskramsiger. Ogre S se versammelt
einige Liveaufnahmen, u.a. vom
legendären Atonal Festival in Berlin. Terre et Argent hat frühe
Studiotakes parat, die eine skurril schimmernde
Mischung aus Cold-Minimal-Beats und archaischem Getrommel sowie kratzelnden
Gitarren darstellen. Ver-
schwende deine Jugend, auch du, Achim. Hier erstrahlen NTL als die
Fürsprecher einer emanzipatorischen
Haltung - gerade auch im Untergrund. Wir sind zufrieden...
review by: S. Chauque
MEDIENKONVERTER
Die Berliner Formation NTL existiert bereits seit ungefähr 25 Jahren
und
zählt mit ihrer politischen, elektronischen, experimentellen Musik
als lebende
Legende, die mit Bin Med Usa ihr neustes Release, nach "Siga, Siga",
feiern.
Das ehemalige Quartett ist zwischenzeitlich zu einem Trio
zusammengeschrumpft, sodass NTL momentan aus dem Vocalisten
Sea Wanton, C. Reichelt und A. Türpitz (beide; Synthesizers, Drum,
Effects) besteht.
Zu Dritt haben sie an neuen elektronischen Sounds gearbeitet, von denen
Bin Med Usa sechzehn Tracks zu bieten hat. Gleich zu Beginn schallt
einem
die "Adresse:Boese"- Parole entgegen: Schwarz-Weiß-Rot, dass
ist wie tot!
Assoziiere ich so ziemlich mit den Rechten, macht die CD auch gleich
sympathischer und aufmerksamer macht's mich obendrein.
Feststellen muss ich dann allerdings, dass NTL schwer zugänglich
und
schwer verdaulich ist. Zum Beispiel "bin/med/usa I", ist nicht nur
experimentell,
sondern hört sich auch sehr verworren an, wobei die Musik nicht
einmal schnell ist.
"Die Schneekönigin" schließt sich da an, wobei man hier
noch Gitarren-Elemente hat.
"Uno Momento Por Favor" weist melodische Züge und eine feste Struktur
vor,
wird begleitet von kurzen und schnellen Vocals. "2000 Augen" klingt
nicht nur
schizophren, sondern arbeitet auch mit einer düsteren, drückenden
Atmosphäre,
einer scharfen Electronic und einem bohrenden Sound. Dann gibt es mit
"Buchenwald"
wieder eine enorm politische Orientierung: "In Buchenwald wächst
das Grauen des Vergessens",
wobei der Sound angemessen aggressiv verläuft. Mit "Fade Away"
kommt eine
kleine, aber angebrachte Wende. Melodische und rhythmische Strukturen,
angenehm,
entspannter und einladender Sound. Eine Erholung nach den ganzen harten
Elektrobeats
und Industrial-Elementen. Nach dem Break geht es aber wie gehabt weiter;
dumpfer
Sound, Echo-Elemente, kurze Spielzeit. Noch mit nennenswert ist "Wendy",
wobei
Sea Wanton schon eingangs erwähnt "..seltsam, seltsam.."
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht was ich von dem Non Toxique Lost
Album halten soll.
Die Produktion ist gut, Monotonie ist ebenfalls kein Thema und der
Sound ist absolut
nicht vergleichbar mit dem was es momentan an Übermaß gibt.
Wahrscheinlich habe
ich den Sinn dahinter nur nicht verstanden, jedenfalls ist Bin Med
Usa ein wirkliches
Belastungstraining. Wer sich selbst davon überzeugen möchte..
Nur zu.
review von A. Henschel (2004)
Faktische Abrechnung mit dem Unausweichlichen (die neue cd heisst "/bin/med/usa")
So muß es sich anhören, wenn Klaus Kinski mit den Einstürzenden
Neubauten, Prodigy und
Björk einen trinken geht. NON TOXIQUE LOST kriegen eine gnadenlose
Symbiose aus netten,
groovigen Beats, brachialen Lauten und kryptischen Klängen hin, die
durchweg die gequälte,
theatralische und zerreibende Stimme des Erzählers/Sängers zu
übertönen scheinen.
Maschine besiegt Mensch. Die Atmosphäre gleicht dem Hinabsteigen in
einen Folterkeller,
aus dem einem Techno-Beats entgegenwummern. Angelockt von der guten Musik
öffnet
man die Tür und entdeckt ein Bild des Grauens. Die Texte handeln von
Wut, krankhafter
Leidenschaft, Verzweiflung und Resignation, ohne dabei selbstmitleidig
zu wirken. Es werden
einfach die nackten, unbarmherzigen Fakten dargestellt, ohne eine Lösung
anzubieten, wie
man aus dem dreckigen Sumpf auftauchen kann. Fazit: die Welt ist hart,
die Menschen kaputt
und das Leben voller Feindseligkeit. NON TOXIQUE LOST locken den Hörer
mit netten
Chill-out-Rhythmen, die sich dann zu einem beklemmenden Alptraum entwickeln.
Trotzdem
ist "/bin/med/usa" im Vergleich zu den vorherigen Alben von NON TOXIQUE
LOST um vieles
eingängiger, was auch daran liegen mag, daß die Songs deutlich
kürzer sind. Die Palette reicht
von aggressiv und wutverzerrt ("everybody’s darling") zu entspannt und
lässig
("uno momento por favor") bis hin zu humorvoll und verspielt ("wendy").
In ("schlechte wahl")
finden sich Anklänge an frühe Depeche Mode Songs. Die düster
poetischen Texte stehen
teilweise in krassem Gegensatz zu den lockeren, tanzbaren Rhythmen; weiche
Instrumente
(z.B. das Didgeridoo in ("uno momento por favor")) werden mit harten, oft
Neubauten-mäßigen
Sounds verschmolzen. Es ist absolut lohnenswert sich "/bin/med/usa" immer
- und immer
wieder anzuhören! (kritik von A. Henschel (2004) )
Stil ist irrelevant
von: Walter Robotka
EVOLVER
Eine wiederauferstandene deutsche Kultband zeigt den Jungspunden, wo
der Bartel den Most herholt.
Diesmal nicht nur auf Kassette.
Non Toxique Lost wurden 1980 von vier bereits aktiven Musikern in Berlin
(wo sonst?) gegründet.
Sea Wanton, Achim Wollscheid und S. Schütze treffen auf einen
Punk namens Pogo, der bei einem
Throbbing-Gristle-Konzert deren Sänger Genesis P-Orridge das Mikro
entreißt und
"You need discipline" hineinschreit. Wie so viele andere rufen auch
sie mit einer gehörigen Portion
DIY-Ästhetik ein Kassettenlabel ins Leben und beginnen, erste
eigene Aufnahmen herauszubringen.
Das Wort "Lost" aus dem Bandnamen entstammt übrigens nicht vom
englischen Begriff für "verloren",
sondern bezieht sich auf ein Giftgas, das von den Deutschen im Ersten
Weltkrieg verwendet wurde.
Von Anfang an sehen sich NTL als politische, experimentell-elektronische
Band mit der Maxime
"Stil ist irrelevant". In ihrer ersten Aktivitätsphase erscheint
nur ein Vinyltonträger, alles andere
Material verstreut sich auf heute völlig unauffindbare Kassetten.
Die Platte übrigens erschien
damals ebenso nur in eine Auflage von genau 100 Stück, Suchen
ist also so gut wie zwecklos.
Seit kurzer Zeit sind NTL wieder aktiv - und zwar aktiver als je zuvor.
Auf den deutschen
Labels Vinyl-on-Demand und Wachsender Prozess kamen vor kurzem zwei
LPs mit Archivmaterial
heraus, und auch eine CD namens "Siga Siga" ist seit einiger Zeit erhältlich.
Am erfreulichsten aber
ist die Tatsache, daß die Band auch neues Material produziert,
und dieses ist auf der eben
erschienenen CD "Bin/Med/USA" zu hören.
Darauf präsentieren Non Toxique Lost eine unwahrscheinliche Fülle
elektronischer Sounds.
Von brutalen Elektrobeats über 80er-lastige Industrial-Collagen
bis hin zu fast poppig
anmutenden Kraftwerk-Sounds ist auf dem Album alles vertreten. Natürlich
fehlt auch heute
nicht das politische Statement (siehe Titel) und die Kritik an der
Geschichte wie auch Gegenwart
des eigenen Landes ist nicht zu überhören. "In Buchenwald
wächst das Grauen des Vergessens",
intoniert Sea Wanton auf der gleichnamigen Nummer. "Ich bin verloren,
bin vergessen", eine
andere Textzeile, erinnert an die Neubauten und den Berliner Pessimismus
der frühen Achtziger Jahre.
Alles in allem bietet "Bin/Med/USA" eine erstaunliche Bandbreite elektronischer
Klänge von damals
bis heute. Es ist rhythmischer als ältere Aufnahmen der Band,
ohne jedoch nur nach 2005 zu klingen.
Non Toxique Lost sind eine Band, die es definitiv wiederzuentdecken
gilt. Und ausnahmsweise liegt
das britische Magazin "The Wire" einmal daneben, wenn es meint, es
wäre nicht verwunderlich, daß
sich Achim Wollscheid nicht mehr fuer seine alte Band interessiert.
Denn so spannend wie diese CD
hat eigentlich schon lange nichts geklungen.
LP, "ogre-sse", label: VINYL-ON-DEMAND (VOD)
review : Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.3.2006
Platten, die bei Vinyl on Demand rauskommen, sind als Wiederveröffentlichung
meist nicht neu,
aber es gab sie so oft auch gar nicht. Es langte damals grad' zu Cassetten.
Ein Spiel mit Paradoxien,
das zurückverweist auf die Zeit, die in Erinnerung gerufen wird
und sich gelegentlich in ihren Produkten als
erstaunlich virulent erweist, allen stattgehabten Entwicklungen und
Nivellierungen zum Trotz.
Die Einstürzenden Neubauten sind inzwischen Kulturbotschafter
der Bundesrepublik Deutschland geworden,
Throbbing Gristle geben wieder Konzerte. Non Toxique Lost, mit dem
nicht so einprägsamen Namen, nahmen nach
längerer Auszeit aktuell neues Material auf. Damit ist auch schon
assoziativ die Ästhetik umrissen:
Industrial, im ziemlich konkreten Sinn des Wortes, als Wahrnehmungsproduktionsmaschine
und Referenzebene.
LOST ist übrigens ein deutsches industrielles Produkt, eine Pioniertat
auf dem Giftgaswesen und im 1. Weltkrieg zum Einsatz gekommen...
"Der Tod des Soldaten ist beschlossene Sache" "And what is rock´n
roll all about? It´s about fucking, and fucking, and..."
Die Zeit geprägter Sätze, finsterer Statements, der Versuch,
die glänzende Fassade der Kulturindustrie niederzureissen und die
Maschinerie der Entfremdung dahinter freizulegen, Blut Schweiss und
Tränen derer zumindest, auf deren Kosten
der versprochene Spass geht. "style ist irrelevant" - das wenigstens
ist eine inzwischen weit verlorengegangene Haltung
und trifft sich doch mit dem aktuellen sweatshopkritischen "Made in
Hell" zum Weltfrauentag. Letztlich arbeiten wir alle
der Hölle ein wenig zu, aber niemand muss sich auch noch dafür
begeistern. Fun wiederum ist ein Stahlbad, und von denen, die sich
da reintrauen, lernen Einige sich da drin ganz munter zu bewegen und
ihre Spielchen zu machen. Es gibt eben kein
richtiges Leben im Falschen. Aber für den Augenblick war es richtig,
notwendig und insgesamt vergeblich.
Mit gelegentlichen Gästen arbeiteten sich Achim Wollscheid (Git,
synt); S. Schütze (Violine, b) und Sea Wanton (Ges, electr)
durch ihre Rhythmusgewitter, traten u.a. 1983 beim wohl einigermassen
legendären Berliner Atonal 2 Festival und andernorts auf.
Je ein track dieser Platte zeugt davon, nämlich von Frankfurt
1984 und Amsterdam 1985. Ansonsten gabs einige Tapes
und kurz vorm Aufschlagen der neuen deutschen Welle ein Vinyl in Kleinstauflage
von Sea Wanton.
Erst neuere Hardtechnoveröffentlichungen von Chrislo Haas (Ex-DAF,
ex-Liaison dangereuses) ermunterten Mitglieder
der Band zu einem Neuanfang, der sich in inzwischen bereits zwei Tonträgern
niedergeschlagen hat. "Ogre-sse" von
Non Toxique Lost, grossartiges und erstaunlich unverbrauchtes Material,
bleibt wohl was für SpezialistInnen, für
FreundInnen von Hingabe, Schmerz, Wut, Trauer, Aggression und politischem
Interesse, inzwischen wohl auch
Nostalgie und einem deswegen um so notwendigeren kühlen Kopf....
Anspieltipps Non Toxique Lost: Der Tod des Soldaten, Zufrieden, Ga
leschi gambi, Wer keinen Schmerz mehr spürt, Kriegstanz
review by Pomidor
www.clubbing.slask.pl
Coraz czesciej najrozmaitsze wytwórnie zgodnie z panujaca moda
powrotów do korzeni wydaja na nowo klasyki,
nierzadko opatrzone dodatkowo "modnymi" remixami. Vinyl-On-Demand jest
jednak nieco innym typem
wytwórni, specjalizuje sie, bowiem przede wszystkim w wypuszczaniu
na rynek starych nagran, które nie mialy szczescia
byc wydane w swojej "mlodosci". Na ich plytach odnajdziemy, zatem mroczne
lub innowacyjne utwory twórców niemieckiej,
industrialnej badz experymentalnej sceny, z lat 70-ych i 80-ych. Czasami
równiez w katalogu mozna odnalezc
dzwieki takich odmian muzyki jak noise czy wave. Jako 13 wydawnictwo
ukazal sie album grupy Non Toxique Lost.
Zawiera on 13 zremasteringowanych na nowo tracków, nagranych
w latach 1983-85. Jest to pozycja o tyle unikatowa,
ze jedynie czesc z tych utwórów ukazalo sie kilkanascie
lat temu na kasetach, jednakze znaczna wiekszosc pochodzi
z koncertów grupy i nigdy nie zostala wydana. Jesli chodzi o
warstwe muzyczna, mamy do czynienia z "czyms"
(jak sami twórcy okreslaja) w rodzaju "primal industrial-punk",
który brzmi nie mniej wiecej jak noise,
co sprawia, ze do tej plyty trzeba podejsc w odpowiadni sposób.
Byc moze wlasnie nieprawidlowe podejscie niektórych osób
jest powodem, dla którego ten gatunek ma raczej wiecej przeciwników
niz zwolenników. Jednak podazajac za mysla
jednego z bardziej znanych twórców noisu (Masami Akita
aka Merzbow), jesli spostrzezemy pop jako pewnego rodzaju
"uporzadkowany halas", wnet, jakikolwiek dzwiek równiez bedzie
mógl byc uwazany za muzyke. Takie rozumowanie
zdecydowanie bardziej przybliza nam ten material. Pierwsze dwa utwory
pochodza z koncertu w Amsterdamie z 1985 roku.
"Der Tod Des Soldaten" jest polaczeniem urywanych glosów, zakurzonych
szumów rezonansu radiowego oraz wszelkiego rodzaju
przesterowanych szmerów. Co ciekawe ów track zawiera
nawet rytm, który jest rzadkim gosciem na tym albumie.
Za jego odliczanie odpowiedzialne sa ordynarne, industrialne uderzenia.
Podobnie rzecz sie ma z nastepnym nagraniem, z tym,
ze jednak klimat w nim zawarty nie jest juz tak gesty i smolisty jak
u jego poprzednika. Z poczatku glównym motywem wydaje
sie byc turkot pociagu, któremu towarzyszy odglos metalowego
gongu oraz róznych krzyków. Nastepnie track odkrywa przed
nami ladne tla,
staje sie wrecz melodyjny. Innymi ciekawymi utworami sa niby-ebm'owy
"Wer Keinen Schmerz Mehr Spürt" posiadajacy ladne
fortepianowe zakonczenie, a takze bardzo agresywny "Kriegstanz". Calosc
w mniejszym lub wiekszym stopniu wydaje sie byc
odzwierciedleniem industrialnych odglosów, przez co album ten
brzmi bardzo metalicznie i niejednokrotnie ciezko.
Nasi bohaterowie zadbali równiez o typowe nagrania zaopatrzone
w wysokie czestotliwosci, dzieki którym moga w bardzo
szybki sposób przyprawic swych sluchaczy o ból glowy,
sa nimi, np. halasliwy "Montmartre" czy wyjaco-piszczacy "Jedes Wort Ist
Wahrheit".
Mimo wszystko zaliczam te pozycje do grona ciekawych, niedbalosc o
rytm lub jego czestokrotne zupelne pominiecie - topi
wszelkie nadzieje na tanecznosc, praktycznie kompletny brak jakichkolwiek
wpadajacych w ucho motywów pozwala spojrzec
na te muzyke z nieco innej perspektywy. Na pewno jest to swego rodzaju
skrajnosc, lecz warto jej skosztowac.
Tracklista:
A1 Der Tod Des Soldaten
A2 Zufrieden
A3 Hair
A4 Der Läufer
A5 Ga Lesch Gambi
A6 Jedes Wort Ist Wahrheit
B1 Einsicht (A Suivre)
B2 Wer Keinen Schmerz Mehr Spürt
B3 München Um 6
B4 Montmartre
B5 Pdg
B6 It's Because
B7 Kriegstanz
review von A. Pohle
BACK AGAIN
NON TOXIQUE LOST existiert als musikalisches Projekt bereits seit 1982
und kann
unter anderem auf einen Auftritt bei einem der legendären "Berlin
Atonal"-Festivals
der damaligen Zeit zurück blicken. Auch mit dem bekannten Staalplaat-Label
wurde
zusammen gearbeitet und nun hat Vinyl-On-Demand (wer auch sonst?) eine
LP der
Gruppe zusammen gestellt, die sich in die Reihe vieler Tapes und einiger
Vinyls
und CDs einreiht. Auf der Homepage der Gruppe findet sich gleich am
Anfang der
Hinweis "in memoriam: John Peel, Chrislo Haas, John Balance", was den
Besucher
zum einen schmerzlich daran erinnert, dass drei wichtige Figuren der
Underground-
Szene in kurzer Zeit von uns gegangen sind (man hätte vielleicht
auch noch Fad Gadget
erwähnen können...) und zum anderen einen Hinweis darauf
gibt, dass man es hier mit
ambitionierten Independent-Künstlern zu tun hat. Wieder einmal
ist die Platte in eine schön gestaltete
Hülle verpackt und zusätzlich gibt es ein 20seitiges DinA5-Booklet
mit Bildcollagen.
Musikalisch bewegt sich NON TOXIQUE LOST im damals gern begrasten Feld
der Harmonie-Zerstörung,
das heißt, übliche Songstrukturen werden gnadenlos aufgelöst
und durch pure Klänge ersetzt,
ähnlich, wie die Einstürzenden Neubauten, Die Tödliche
Doris, P16.D4 oder Sprung Aus Den Wolken
und unzählige weitere, unbekannt gebliebene, Bands es in unterschiedlicher
Art und Weise praktiziert haben.
Auch die ganz frühen Controlled Bleeding oder, in etwas strukturierterer
Form Foetus
sind nicht so ganz weit weg. Die frühen Liveaufnahmen von Psychic
TV kann man
ebenfalls vorsichtig als Vergleich heranziehen. Wer sich vorher nie
mit solchen Klängen auseinandergesetzt hat, wird die Aufnahmen
auf dieser Platte wahrscheinlich nur für puren Krach halten. Wenn
man aber die damalige Zeit bewusst miterlebt
und sich mit ihr beschäftigt hat, wird einem klar, dass wohl nur
damals solche Aufnahmen entstehen konnten und ihren Sinn hatten.
Heute muss man das natürlich eher als Zeitdokument sehen, aber
damals war bei vielen
Jugendlichen das Lebensgefühl düster und destruktiv und das
wurde in Klänge umgesetzt.
"Ogre-Sse" ist keine leicht zu verdauende Platte, zum nebenbei Hören
ist sie sowieso nicht geeignet,
aber dafür eine ausgesprochen spannende. Und wenn ich dann sogar
noch bei den Danksagungen auf dem Cover entdecke,
dass offenbar mein alter Freund Peter Klum (siehe die Band Jean Gilbert
auf dem "Schau Hör Main Herz Ist Rhein"-Sampler)
an einem Track mitgewirkt hat, dann reihe ich die platte doppelt gerne
in meine Sammlung ein. (A.P.)
review von Detlef "Meister" Schiermeister
www.punk-ist-wie-ne-religion.de
Aufnahmen von 1983-85, wenn überhaupt damals nur auf internationalen
Cassetten-Samplern erschienen,
also, die kannte selbst ich bis dato nicht. Dieser Frank Maier von
VOD (=VINYL-ON DEMAND)
bringt einfach unglaubliche Sachen auf Vinyl, hat nix mit Nostalgie
zu tun, vielleicht kommen wir
in Deutschland schon bald wieder in eine Art Berlin-Wall-Krieg-in-den-Städten-Stimmung,
aber
dann nicht nur in Berlin, sondern überall. Wer weiß? Non
Toxique Lost jedenfalls ist hypnotischer Industrial-Punk d
er allerersten Güte, das will ich Euch sagen! Textprobe: 'Der
Tod des Soldaten ist beschlossene Sache' (aus 'Der Tod des Soldaten').
'And What is Rock'n'Roll all about? It's about fucking, and fucking,
and...' (aus 'Einsicht') oder
'Redundante Information Wir wollen keine Gewalt Informationsdefizite
Wir wollen Konfrontationen vermeiden
Nachrichtenwert Wir sind effizient Kopflose Kommunikation Werden wir
angegriffen Moderne Technologien
Wehren wir uns neu und Wahrheit Wir sind zufrieden...We are satisfied...Wir
sind zufrieden (aus 'Zufrieden').
Der Sound ist einfach genial, aber Vergleiche mit Sprung aus den Wolken
oder Neubauten hinken irgendwie auch.
Hart, gut, hypnotisch, unbeschreiblich. Das bekommt im Jahre 2005 eine
ganz neue Bedeutung.
Hat nichts mit Nostalgie zu tun. Eher mit Zyklen, die Noam Chomsky
kürzlich ansprach.
Aber das würde jetzt hier zu weit führen. Wichtige Platte,
wichtiges Label.
Es müssen noch einige Sachen zu Ende geführt werden...
review von R. Dittmann
Bad Alchemy 7/2005
Ogre-Sse (VOD13, LP) ist nach Terre et argent auf Wachsender Prozess
(-> BA 46) die bereits angedeutete
zweite Wiederkehr der Postpunk-Experimentalisten NON TOXIQUE LOST.
Von der Formation aus
Sea Wanton, Pogo, Steffen Schütze & Achim Wollscheid wurde
weiteres Studio- & Livematerial zur
Neugewichtung vorgelegt, darunter Ausschnitte ihrer Auftritte beim
Berliner Atonal 2 (2.12.83),
im Geminox, Frankfurt (9.6.84) und vom kontroversen Gastspiel in Amsterdam
(4.10.85).
Es gibt Überschneidungen, wobei man den 'Kriegstanz' gar nicht
oft genug hören kann.
Auch 'Zufrieden', 'ga leschi gambi' und 'Wer keinen Schmerz mehr spürt'
verbrauchen sich beim
Mehrmalshören nicht, im Gegenteil. NTLs Beitrag zum programmatischen
Nonkonformismus
jener Jahre, die Weigerung, "in das miese, vorgefertigte System der
Idioten einzusteigen"
(wie der Pressetext zum Atonal 2 verlauten ließ), bestand darin,
fremde Sprachen im eigenen
Unland zu sprechen, verzerrte Phrasen wie 'Der tod des soldaten' (ist
beschlossene Sache),
der paradoxe Schrei (oder was ist das sonst, wenn man "wir sind zufrieden"
brüllt
wie auf kleiner Flamme geröstet?), das Wortspiel: "'hair' (seid
ja so allein c'est l'anarch...qui? hair et lutter)",
dazu undeutsch polyglottes Gestammel: 'ga leschi gambi' ... and what
is rock'n roll all about?...
qui c'est la neige qui c'est la reve... it's because... you dream..
about fucking, and fucking, and...
musik musik musik mein ganzes leben ist...verstümmelt ist der
leib der schrei rast um die welt'.
Ein Schrei, eine Power und eine kreativ-expressive Verve, die in ihrer
gleichzeitig zähnefletschenden
Over-the-topness und fast schon wieder lakonischen Kakophonie heute
Ihresgleichen schwer fände,
zumindest im Inland. Wollscheid erinnert sich: "Es war ne seltsame
Zeit, damals. Die Lebensenergie,
gleichzeitig eine Gleichgültigkeit gegenüber irgendwelchen
Standards, auch ne gewisse Arroganz
denen gegenüber, die es angeblich besser konnten oder wussten..."
Federführend für die Retrospektiven
ist allerdings weder der Selektions-Macher in Frankfurt noch Schütze,
der damals den Spagat zwischen
Whitehouse und Josef Anton Riedl beherrschte und der heute angeblich
nochmal ein Studium aufgenommen
hat. Treibende Kraft ist Wanton, der, inzwischen in Berlin, NTL am
Leben gehalten und für 2006 sogar
ganz neues Material in Vorbereitung hat. Für nächstes Jahr
ist auch die vollständige Veröffentlichung der
Atonal-Attacke geplant, mit Artwork von Schütze und Fotos, Statements,
Reminiszensen alter Weggefährten
sowie Rezensionen. Was hat Adi Atonal damals verkündet? "Die stinkenden
Versuche eingebildeter Zyniker
und Charaktermasken in den Medien und hinter den Kulissen, mit Businessmethoden
jeden Ansatz, etwas
anderes zu tun, kaputt zu kriegen, werden überlebt." Nun, einige
von uns haben sich dieses Überleben in die
heutige "unübersichtliche (oder, besser, undurchfühlbare)
Zeit", wie Wollscheid so treffend anmerkt, doch
etwas anders vorgestellt. Wie sagte Pinguin Sr. kürzlich zu seinem
Sprössling: "Als ich noch ein Adler war..."
LP, "terre et argent", label: WACHSENDER PROZESS
...und
rechts das cover der 2.ten edition....
review von Detlef "Meister" Schiermeister
www.punk-ist-wie-ne-religion.de
'This was a lot of fun, especially if you did it yourself.
But in the end, it got on the audience's nerves.' Lorenz Lorenz
Nachdem ich erst 20 oder 25 Jahre später NON TOXIQUE LOST durch
die auf VOD
releaste LP OGRE-SSE kennen, hören und schätzen gelernt habe,
kann ich Euch
nur wärmstens die TERRE ET ARGENT LP von NTL empfehlen. Sämtliche
Aufnahmen
erschienen seinerzeit nur auf raren Tapes, und auch diese LP hier wird
schnell vergriffen sein, daher: watch out!
Das Projekt um Sea Wanton, Achim Wollscheid (S.B.O.T.H.I.), Cem Oral
(später bei AIR LIQUIDE)
und anderen braucht sich meiner Meinung nach nicht hinter Vergleichen
mit
THROBBING GRISTLE, THE CRASS oder SPK verstecken. Aber da selbst mir
NTL
damals dadurchgegangen sind, wissen auch andere Krach-Liebhaber manchmal
gar nichts von der Existenz dieses wichtigen Materials.
Wird oft als Industrial-Punk bezeichnet, weil sich im Noise durchaus
politische
und gesellschaftskritische Manifeste verbergen, also keine sinnentleerte
Avantgarde, wie sie in heutigen Zeiten oft missverstanden wird.
'Die Nadel durch den Kopf
heraus spritzt Schmerz und Blut
Der Schrei brüllt durch die Welt
Wer diesen Schmerz verspürt
Die Grenze ist erreicht
Der Schmerz schlägt um in Lust
Ein Schrei jauchzt durch die Welt
Wer keinen Schmerz mehr spürt
Der Körper geht kaputt
Die Schaukel schwingt langsam aus
Verstümmelt ist der Leib
Der Schrei rast um die Welt
Der keinen Schmerz mehr spürt'
Die Tracks 'Zufrieden', 'Wer keinen Schmerz mehr spürt' und 'Kriegstanz'
sind auch auf der OGRE-SSE vertreten, allerdings in anderen Versionen.
Ansonsten empfehle ich dringend das laute Hören von Tracks wie
'Mit Rita über die Gleise',
'Ich sah Hanoi sterben' oder 'Nach der Arbeit'. Also, diesen bedrohlichen
Gristle-Synthesizer find ich einfach genial, weil er viel schneller
pulsiert als bei TG. Hammer-Sound, der viel freisetzt. Bei mir zumindest...
review von Rigobert Dittmann
BAD ALCHEMY #46 (2005)
Das Sichten der Bestände geht weiter. Gleich zwei Labels bemühen
sich um das Archivmaterial der Mainzer NDW-Obskurität NON TOXIQUE
LOST. Das
war 1982 eine weitere Schraubendrehung von G. Neumann aka Sea Wanton
gewesen, der im Jahr zuvor mit Joachim Stender in Messehalle gespielt
hatte und, als Stender ausstieg, um bei P.D. mitzumischen, mit No Aid
in der Postpunksuppe rumgerührt hatte. Wanton schrieb damals auch
Kassettenreviews für Sounds und brachte die Fanzines Handbook
Of Fun und Gute Unterhaltung heraus. Als Megaphon von NTL tobte sich Peter
Prieur aus, genannt Pogo, Frontmann der Suburban Punx, und ebenso wie
Steffen Schütze, der zuvor in Jean Gilbert rumdilletiert hatte und
hier
Violin- & Steeltubesounds beisteuerte, ein fanatischer Fan von
TG und Genesis P-Orridge. Vervollständigt wurde NTL durch den Kunststudenten
Achim Wollscheid, zuvor bei den Edelweißpiraten, später
S.B.O.T.H.I. & Selektion-Macher, der Wantons Synthesizer-, Sequenzer-
&
Tapemachinenoise mit den Verzerrungen seiner Fendergitarre flankierte.
Mit der giftigen Anspielung auf das im 1. Weltkrieg so verheerend
eingesetzte Senfgas Lost, verband sich eine kulturindustriell inkompatible
Bissigkeit, klanglich der Drall zur Kakophonie, optisch
verdächtige Harmlosigkeit. Schon die ersten, in Pogos Bude aufgenommenen
Ejakulate wurden auf Schützes Kassettenlabel Neuer
Frühling veröffentlicht. Wüste Gigs folgten, in Frankfurt
(mit Der Plan), auf dem Atonal ‘83 in Berlin, sogar in London (mit Bourbonese
Qualk). Bei zwei 1985 von Staalplaat organisierten Auftritten in den
Niederlanden (mit P16.D4) mischten Cem Oral (heute eine Elektrogröße
als Jammin‘ Unit & Air Liquide) und Heiko Wöhler mit. Die
einzige LP zu Lebzeiten hieß Wanton und kam 1986 heraus. Die beiden
Dossier-CDs
/bin/med/usa & siga siga haben schon Dokucharakter. Wollscheid
beschrieb NTLs ‚Nicht‘-Stil nachträglich mit „kein Rock, kein Punk,
keine Experimente, kein Recycling und keine Improvisation... - oder
ein bisschen von allem, zu einem dicken Gemisch verdichtet, falls
erforderlich.“ Distinktiv an NTLs Gebräu aus Wave & Industrial,
wie man es nun auf Terre et argent (Wachsender Prozess 07, LP) serviert
bekommt, war auf jeden Fall der Impetus, die versteinerten Verhältnisse
aus sozialdemokratischer Staatsraison und konservativer Wende aufs Korn
zu nehmen mit Gerade-noch-Songs wie ‚Zufrieden‘, ‚Nach der Arbeit‘,
‚Was ihr braucht‘, ‚Eigentlich sind wir gut‘ und ‚Ich sah Hanoi
sterben‘, geprägt von Pogos Sprech- & Schreigesang und Texten,
die ihre Parolen mit sarkastischer Sophistication rüber brachten.
Der
rhythmische Vorwärtsdrang hatte durch die schrill slashenden Noisefetzen
von Synthies, Gitarre und Violine immer was
Giftig-Aggressives, das Nightmare-on-Lindenstraße-mäßig
gegen die wachsende Restzufriedenheit sichelte. ‚Kriegstanz‘ live kommt
rüber wie
eine Over-the-Top-Version von P16.D4s ‚Tanzmusik‘. Für das Elend,
das heute in den Köpfen grassiert, kommt die Wiederbegegnung mit solch
trashigen Vorläufern von Teenage Atari Riot, die auch vom Zeitgeist
längst weggespült wurden, zu spät / zu früh. Zwischen
Jens Friebe und
Franz Ferdinand gähnt der müde Tod ein Loch in die Tagesordnung
der grauen NVA-Socke, das kein Sido, kein Von Spar stopfen kann. Wer keinen
Schmerz mehr spürt...
CD, "siga siga", label: DOSSIER
.......
review von Zipo
auf abwegen
NON-TOXIQUE LOST weigern sich nach eigener Aussage
"in die behagliche Gleichgültigkeit zurückzufallen,
die von der Kulturindustrie so hoch belohnt wird". Mit Adorno im Kreuz
reimt es sich gleich viel besorgniserregender; so nehmen sich die tracks
von NTL auch angst- und energiegeladen aus.
In einem Stil, den ich mal als psychedelischen Electro
bezeichnen möchte, werden Stimmungen kreiert,
die anklagen, aufwühlen und beunruhigen.
Eines tun sie auf keinen Fall: beruhigen und einlullen.
Für Chomsky-Fans !
review von Oliver Shuntrock
ausgabe 4/2005
www.dorfdisco.de
Non Toxique Lost - "Siga Siga"-cd (Dossier) und " /bin/med/usa"-cd (Dossier)
Eine Formation so sehr für Kenner, dass selbst unsere Anfragen
keine Anworten bringen.
Non Toxique Lost, die sich ihrer Sage nach 1982 auf einem Throbbing
Gristle Konzert in Frankfurt gegründet haben
und in der ganzen Zeit ein paar relativ unbeachtete CDs und einen Haufen
noch
verschütt gegangener Kassetten releast haben (sie waren sogar
auf Atonal 2 in den Pankehallen dabei)
führen genau das aus, wovon mitlerweile bis in die U-Bahn geworben
wird:
experimentelle 80ger, authentisch, mit der ganzen Fläche gegen
die Kultur,
von der sie sich ihre charakteristischen Schrammen einfährt.
Hier stehen die Töne noch auf dem Punkt, bewegungslos und trotzdem
von fern hypnotisierend,
da werden synthetische Töne zerhackt, eingeblendet oder mit Monsterbeats
in Gang gesetzt,
die sich genauso zusammenhangslos benehmen, wie das ganze musikalische
Korsett sonst.
Dennoch, das ist nicht beliebig, das ist Kunst ohne künstlich
zu sein.
Das Ganze geht wie eine bizarre Meditation mit dadaistisch von der
Wand gerissenen Texten (Ruft an, ruft an),
die gebetsmühlenartig um den Fernsehturm getragen werden.
Eine zweite, neue CD namens bin/med/usa ist ebenfalls auf Dossier erschienen,
welche aber mehr mit elektronischen Flächen arbeitet und insgesamt
gefälliger und weit
weniger experimentell als Siga Siga dahaherkommt.
Beide Releases sind ideal für Quereinsteiger, Zeitkiffer und Ohrfetischisten
sowie sogenannte Kulturarchäologen
die heute noch die 80ger suchen und meinen wo im Prenzlauer Berg gefunden
zu haben.
(Beziehungsweise deren Nightlife Djs, die ihrem ratlos-rastlosen Publikum
mal einen Gang der extraordinären Klasse kredenzen wollen.)
review von M. Pannek (Berlin, 2003)
(über 'mit rita über die gleise' und 'kein selbstmord im
kölner dom')
Die Musik gilt zu unterteilen bzgl. Mitteilung der Songs durch die Texte,
Gesangseinsätze und die Wahl der Instrumente. Der Rhythmus wirkt kontinuierlich
harmonisch, trotz der Disharmonie. In den Songs spiegelt sich: Schmerz,
Verzweiflung, Aggressivität, Wahnsinn,
Angst, Wut, Aussichtslosigkeit, Tod, Sehnsucht, Sadismus, Demütigung
und Erniedrigung, d.h., keine Melancholie oder
gar Selbstmitleid. Teilweise vernichtend und irre, sowie ein gewisser Fanatismus
ist festzustellen. Es ist die Suche nach etwas,
das fremdbestimmt ist, tief verankert ist. Ein Seelen-Schrei nach Befreiung.
Eine Komponente dieser ist die Liebe. Untergrund, d.h.
, und der Tod, Chaos, Militärlaute. Sehnsucht nach Auflösung.
Zugfahrt ist Abfahrt. Zielsuche, d.h., new day, new love, new way.
Der Einsatz des Xylophons (im Lied "mit rita über die gleise") erklingt
weich und warm, sowie mystisch, doch sehr schöner Einsatz,
chinesischer Laute, Instrumente. Das Lied "kein selbstmord im kölner
dom") ist konfus, chaotisch und erschreckend.
Eingesperrt, zerbrochen, die Seele zu zerbrechen unter Zwang, Schmerz
und Schlägen abzuliefern auf der Müllhalde wie Dreck, Schmutz,
Abschaum, ist ein Gefühl was ich kenne. Kindheit und Eltern. Ein Bild
dazu: die Farben sind nicht unbedingt leuchtend, jedoch
ist da der grüne Weg, das Herz, die Sonne oben links und die Unendlichkeit
aus Erde und Blut.